Ist der Schwarzspecht in Niedersachsen durch den kalamitätsbedingten Verlust von Nadelholz gefährdet?
- 3. März 2026
- 3 min. Lesezeit

Anlässlich des Internationalen Tags des Artenschutzes greifen wir die Frage auf, wie sich veränderte Waldstrukturen infolge von Klimawandel und Kalamität auf waldbewohnende Arten auswirken. Ein Beispiel aus Niedersachsen ist der Schwarzspecht.
Der Schwarzspecht (Dryocopus martius) war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts im niedersächsischen Bergland extrem selten und fehlte im Tiefland sogar völlig. Als ein möglicher Grund für seine ab etwa 1890 verstärkt einsetzende Ausbreitung wurde in der Fachliteratur häufig ein vermehrter Nadelholzanbau diskutiert, der im 19. Jahrhundert stattfand. Bis heute gehen viele Ornitholog*innen von einer Abhängigkeit des Schwarzspechtes von Nadelbäumen – insbesondere Fichte – aus. Wenn dies so wäre, könnte die Art durch die massiven Absterbe-Erscheinungen, die bei der Fichte seit 2018 beobachtet werden, regional bedroht sein.
Historische Ursachen des Rückgangs
Bereits 2016 zeigte eine Literaturstudie der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA), dass nicht das Fehlen von Nadelholz für das frühere Verschwinden des Schwarzspechts im Nordwestdeutschen Tiefland ausschlaggebend war. Entscheidender waren vielmehr:
- geringe Waldanteile
- niedrige Baumdimensionen und Holzvorräte
- fehlender Kronenschluss in vorherrschenden Niederwäldern
- starke Fragmentierung geeigneter Lebensräume
- aktive Verfolgung der Art
Diese Faktoren führten in ihrer Kombination zum regionalen Aussterben – nicht ein Mangel an Nadelbäumen.
Kein Nadelwald-Spezialist, sondern Habitat-Generalist
Die Ergebnisse zahlreicher jüngerer Studien zeigen zudem, dass der Schwarzspecht nicht als Nadelwald-Art, sondern als Habitat-Generalist einzustufen ist. Die wesentliche Bedeutung des Nadelholzes liegt für ihn in der Bereitstellung vermoderter Stubben, die von Ameisen und anderen Wirbellosen besiedelt werden und die damit das Nahrungsangebot verbessern. Nadelholz ist jedoch für das Vorkommen und die Siedlungsdichte des Schwarzspechtes nicht von Bedeutung, wenn in Laubwäldern ausreichend Totholz vorhanden ist.
Wenn diese Bedingungen in einem Wald zutreffen, ist der Schwarzspecht besonders im zeitigen Frühjahr gut zu beobachten, wenn er mit der Balz und dem Höhlenbau beginnt. An seinen lauten Balzrufen, die er im Sitzen oder im Flug von sich gibt und dem charakteristischen Trommeln kann man ihn gut erkennen.
Akustisches Monitoring im DIVERSA-Projekt
Dieses lautstarke „Balzspektakel“ wird im Klima.Zukunftslabor DIVERSA mit kleinen Audio-Aufnahmegeräten rund um das Jahr erfasst und mittels einer KI ausgewertet. So können die Lebensraumvorlieben des Schwarzspechts (und anderer Vogelarten) unter den sich verändernden Bedingungen in niedersächsischen Wäldern zukünftig noch genauer charakterisiert werden. Im Zuge des Klimawandels ist es auch möglich, dass der Schwarzspecht bereits früher im Jahr mit der Balz beginnt. Die akustischen Aufnahmen im DIVERSA-Projekt zu allen Jahreszeiten können entsprechend Aufschluss über mögliche jahreszeitliche Verschiebungen der Balzaktivität des Schwarzspechts geben.
Fazit: Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Schwarzspecht weniger von bestimmten Baumarten abhängig ist als häufig angenommen. Entscheidend sind vielmehr strukturreiche, ausreichend große Waldgebiete mit einem guten Angebot an Totholz.
Beide Gastautoren arbeiten im Teilprojekt 5 “Bioakustik” des Klima.Zukunftslabors DIVERSA, dass den Einfluss von trockenstressinduzierten Störungen auf die Zusammensetzung der Artengemeinschaften von Vögeln und Fledermäusen im Wald untersucht.
Dr. Marcus Schmidt leitet das Sachgebiet Arten- und Biotopschutz innerhalb der Abteilung Waldnaturschutz an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt.
David Singer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt, Abteilung Waldnaturschutz, Sachgebiet Arten- und Biotopschutz und promoviert an der Universität Göttingen.
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